Das Werden
Wachstum · Heilung · Wandlung
Alles, was lebt, verändert sich. In jedem Ende liegt ein Anfang, in jeder Wunde die Möglichkeit, sich zu schließen.
„Was in dir will sich noch verändern?“
Symbol: Spirale, Farnblatt
Ein Pen-&-Paper-Setting unter zwei Monden
Eturia ist eine Welt, in der man bei Tisch eher zuhört als predigt, in der ein geteilter Becher mehr gilt als ein geschworenes Wort: Ihre Bewohner verehren fünf universelle Prinzipien – Kräfte, die in allem gegenwärtig sind: das, was hinter den Dingen steht, erkennbar im Leben und Weben der Welt.
Gegen Mittag wird das Licht weich und diesig. Die Händlerin am Brunnen legt ein Tuch über ihre Feigen, der Schmied lässt das Eisen im Wassertrog liegen. Auf einer Fensterbank glimmt ein Räucherstäbchen, und jemand gießt einen Schluck Wein auf die Erde, ohne hinzusehen. Dann ist die Gasse leer.
Unter den Dächern wird geschwiegen, zwei Stunden lang. Wer fremd ist und an eine Tür klopft, bekommt zuerst einen Becher gereicht. Woher man kommt, wird erst danach gefragt.
Unter zwei Monden – dem blaugrünen Tivr und dem bernsteinfarbenen Lasa – ist Eturia ein Land der Gegensätze. Im Norden liegt drückende Hitze über trockenen Ebenen, ehe sanfte Hügel und Olivenhaine, durchzogen von Steinterrassen und Rebhängen, das Bild wandeln. Weiter südlich weicht das Land schwülem Tiefland: dichtem Dschungel, in dem sich Flüsse durch Mangrovenwälder schlängeln und verstreute Ruinen aus älterer Zeit im Grün versinken. Noch weiter südlich steigt es zu schroffen Gebirgen auf, bis es schließlich in ewigem Eis und schweigenden Gipfeln endet. Zwischen Werkstatt und Herdfeuer entfaltet sich, allerorts, ein Leben, das selten laut wird.
Konflikte werden verhandelt, nicht entschieden – und was offen bleibt, wird ausgehalten statt erzwungen. Weisheit gilt mehr als Eifer. Und doch ist alles in Bewegung.
Woher die Lehre der fünf Prinzipien stammt, weiß niemand zu sagen – und doch kennt sie jeder. Sie wurde nie gestiftet, nur immer weitergegeben.
Die Zählung beginnt mit dem Schleier: 486 Jahre sind seither vergangen, fünfunddreißig Generationen. Zahlen, die greifbar klingen. Doch was in dieser Zeit geschah, ist dem Vergessen anheimgefallen; geblieben ist nur die Jahreszahl.
Alte Legenden erzählen, der Schleier habe sich damals zum ersten Mal über die Welt gelegt. Ob damit die Mittagsstunde gemeint ist, der Kreis, der ihr den Namen gibt, oder das Prinzip selbst – darüber streiten die Gelehrten seit jeher. Die meisten anderen kümmert es wenig.
Was davor lag, verraten nur die Ruinen: Orte, zu groß oder zu klein für die Eturier von heute, Fragmente in Schriften, die niemand mehr liest. Zeugen einer Welt, die anders war – wie genau, weiß niemand mehr zu sagen.
Sie sind überall gegenwärtig und werden doch verschieden verstanden: von schlichten Deutungen im Alltag bis zu den ausgearbeiteten Lehren der städtischen Philosophenschulen. Auch ohne Tempel prägen sie Gewohnheiten, Sprache und Entscheidungen der meisten Menschen.
Wachstum · Heilung · Wandlung
Alles, was lebt, verändert sich. In jedem Ende liegt ein Anfang, in jeder Wunde die Möglichkeit, sich zu schließen.
„Was in dir will sich noch verändern?“
Symbol: Spirale, Farnblatt
Wissen · Klarheit · Erkenntnis
Wahrheit ist kein Besitz. Sie zeigt sich jenen, die bereit sind, hinzusehen – und zu verstehen.
„Wonach suchst du wirklich, wenn du fragst?“
Symbol: Offenes Auge, Sonne
Geheimnis · Wandel · Illusion
Die Welt ist mehrdeutig. Was sichtbar wird, ist selten vollständig.
„Was zeigst du – und was verbirgst du bewusst?“
Symbol: Nebel, Rauch
Ruhe · Vollendung · Loslassen
Alles findet seinen Abschluss. Die Stille ist kein Verlust, sondern ein Zustand jenseits des Drängens.
„Was bist du bereit, endlich loszulassen?“
Symbol: Geschlossener Kreis
Wille · Handlung · Durchsetzung
Veränderung geschieht nicht von selbst. Sie wird gewollt, getragen, erzwungen.
„Wofür bist du bereit zu kämpfen?“
Symbol: Flamme, Faust
Die meisten Orte Eturias sind klein. Dörfer und Siedlungen werden von Ältestenräten geführt, von Stimmen, die Gewicht haben, weil man ihnen zuhört. Entscheidungen entstehen im Gespräch, nicht auf Befehl.
Größere Städte jedoch bringen eigene Ordnungen hervor: Räte, Gilden, Mäzene oder Hüter eines Prinzips prägen das Leben. Keine Ordnung gleicht der anderen, und doch bleibt allen gemeinsam, dass Macht selten offen beansprucht wird.
Zwischen Küste und Hügeln, zwischen Stadt und abgelegenem Tal haben sich Lebensweisen herausgebildet, die einander ähneln und doch verschieden bleiben. Manche führen ein einfaches Leben zwischen Feld, Stein und Jahreszeiten; andere bewegen sich im dichten Gefüge der Städte, wo Worte, Verträge und Beziehungen Gewicht haben.
Unterschiede zeigen sich weniger in der Herkunft als in der Haltung – darin, welchem Prinzip man sich näher fühlt und wie man ihm im eigenen Leben Raum gibt.
Auch wenn die Menschen Eturias unterschiedlich sind, wird gelegentlich ein Kind geboren, das auffällig anders ist – äußerlich wie im Wesen einem der fünf Prinzipien nahe, ohne dass sich erklären ließe, warum. Man nennt diese Kinder die Berührten.
Manche sind kaum hüfthoch und von zäher, steinerner Gelassenheit; andere hochgewachsen und leichtfüßig wie Schilf im Wind; wieder andere klein, wendig, mit einem Gehör für das leiseste Rascheln. Ihre Gestalt verrät oft, welchem Prinzip sie nahestehen – ebenso wie ihr Blick auf die Welt.
Sie wachsen in der Familie auf, in die sie geboren wurden, sprechen dieselbe Sprache, feiern dieselben Feste. Eine Berührte ist zuerst ein Kind ihres Dorfes, erst danach Trägerin ihres Prinzips.
Unter den ruhigen Bahnen von Tivr und Lasa liegen die Städte Eturias wie unterschiedliche Auslegungen derselben Welt – jede in sich geschlossen, jede einem Prinzip näher. Die meisten von ihnen sind jung: in den letzten hundert Jahren gewachsen, auf älterem Grund errichtet.
Stadt des Erwachens
Hier wird gedacht, gesprochen, gestritten – laut, leidenschaftlich und ohne Scheu. Auf Plätzen, in Hallen, unter Säulengängen: Überall wird gefragt, verworfen, neu begonnen. Erkenntnis ist kein leises Reifen, sondern ein fortwährendes Ringen.
Gelehrte, Redner und Suchende füllen die Stadt mit Unruhe. Wahrheit wird nicht bewahrt, sondern herausgefordert. Ein Kreis von Lehrenden lenkt die Geschicke – und steht doch selbst im Licht der Fragen.
„Recht hast du erst, wenn du es morgen noch einmal sagst. Vor allen.“
Stadt des Schleiers
Tarchuna liegt halb im Sichtbaren, halb im Angedeuteten. Enge Gassen öffnen sich unvermittelt, Stimmen verhallen hinter Masken, Wege verändern sich, während man sie geht. Kunst und Verstellung durchziehen alles.
Wer in Tarchuna lebt, weiß: Wahrheit ist nur eine Möglichkeit unter vielen.
„Du willst wissen, wer ich bin? Such dir eine Antwort aus.“
Es gibt viele weitere Orte, doch diese beiden mögen ein Gefühl für das Ganze geben.
Das eturische Jahr zählt 552 Tage in fünf Kreisen – einen für jedes Prinzip. Die Spanne hat acht Tage, zwei davon gehören der Ruhe. Gezählt wird seit dem Schleier, man schreibt das Jahr 486.
Tage ohne Maß
Kreis der Stille, Tag 111–112
Feste im Jahreslauf
Die letzten beiden Tage des Jahres, tief im Kreis der Stille: eine Zeit ohne Verpflichtung, in der das alte Jahr ausläuft und das neue noch nicht begonnen hat.
Beginnt am Tag „Stille“, dem siebten der Spanne. Tivr ist nur noch zur Hälfte hell.
Jeder Kreis trägt den Namen eines Prinzips und bringt sein eigenes Wetter mit. Sie sind ungleich lang: Auf den Kreis des Schleiers entfällt gut ein Viertel des Jahres, auf den Kreis des Werdens kaum ein Sechstel. Im Werden liegt der längste Tag, in der Stille der kürzeste. Der Schleier bringt die wärmste Zeit des Jahres, die Stille die kälteste.
| Kreis | Tage | Wetter |
|---|---|---|
| Kreis des Erwachens | 96 | Kühl, dunstig |
| Kreis des Werdens | 88 | Hell, offen |
| Kreis des Schleiers | 144 | Nebel, Regen, Schwüle |
| Kreis des Strebens | 112 | Warm, trocken |
| Kreis der Stille | 112 | Kalt, grau, Schnee |
Zwischen zwölf und vierzehn Uhr wird das Licht weich und diesig, als läge ein Hauch des Schleiers über der Stunde. Gassen leeren sich, Läden schließen, Stimmen sinken. Es ist die Mittagsruhe – eine Zeit für kleine Rituale: ein Schluck, der der Erde gegossen wird, ein Räucherstäbchen auf der Fensterbank, ein gemeinsames Schweigen unter dem Dach. Niemand schreibt vor, wie man sie begeht; jeder kennt sie trotzdem.
Acht Tage; die letzten beiden gehören der Ruhe.
Der blaugrüne Tivr braucht acht Tage für seine Phasen – genau eine Spanne. Sein kühles Licht liegt auf Stein und Wasser. An jedem Tag der Spanne zeigt er dieselbe Gestalt und ist damit selbst ein Kalender.
Der größere, bernsteinfarbene Lasa braucht ungefähr achtundvierzig Tage, also sechs Spannen. Sein warmer Schimmer fällt auf Haut und Holz. Stehen beide Monde hell am Himmel, begegnen sich ihre Farben in der Nacht.
Regeltechnisch bleibt fast alles beim Gewohnten – hier stehen die eturischen Besonderheiten gesammelt an einem Ort.
Quellenbücher D&D
Zugelassen sind Player's Handbook 2024, Eberron: Forge of the Artificer, Heroes of Faerûn, Arcana Unleashed, Mordenkainen Presents: Monsters of the Multiverse und Ravenloft: The Horrors Within.
Zwerg, Elf, Halbling und Co. funktionieren, wie es das Regelwerk vorsieht – erzählerisch sind sie Berührte: eturische Kinder, geboren in eturischen Familien, einem Prinzip nahe. Unabhängig von der gewählten Spezies gilt eine menschliche Lebenserwartung.
| Name | Spezies | Quelle | Prinzip |
|---|---|---|---|
| Disir | Aasimar | PHB 2024 | Das Erwachen |
| Butzemann | Bugbear | MotM | Der Schleier |
| Drude | Changeling | EFotA | Der Schleier |
| Bergmännlein | Deep Gnome | MotM | Die Stille |
| Bergmönch | Duergar | MotM | Das Streben |
| Holde | Eladrin | MotM | Das Werden |
| Fangga | Elf | PHB 2024 | Der Schleier |
| Moosleute | Firbolg | MotM | Das Werden |
| Erdgeist | Genasi (Erde) | MotM | Die Stille |
| Salamander | Genasi (Feuer) | MotM | Das Streben |
| Sylphe | Genasi (Luft) | MotM | Das Erwachen |
| Undine | Genasi (Wasser) | MotM | Das Werden |
| Wicht | Gnom | PHB 2024 | Das Erwachen |
| Heinzel | Goblin | MotM | Das Streben |
| Hüne | Goliath | PHB 2024 | Das Streben |
| Klabauter | Halbling | PHB 2024 | Das Werden |
| Popanz | Hobgoblin | MotM | Das Streben |
| Mahr | Kalashtar | EFotA | Das Erwachen |
| Salige | Khoravar | EFotA | Das Werden |
| Schrat | Ork | PHB 2024 | Das Streben |
| Faun | Satyr | MotM | Das Werden |
| Nix | Sea Elf | MotM | Der Schleier |
| Klagemuhme | Shadar-kai | MotM | Die Stille |
| Wilde Leut | Shifter | EFotA | Das Werden |
| Kielkropf | Tiefling | PHB 2024 | Der Schleier |
| Hämmerling | Zwerg | PHB 2024 | Die Stille |
Keine Quelle gewählt.
Diese Spezies sind spielbar, haben in Eturia aber kein Vorbild. Wie ein solches Kind in eine eturische Familie kommt, welchen Namen das Land ihm gibt und welchem Prinzip es nahesteht, erarbeitest du gemeinsam mit der Spielleitung.
Player's Handbook 2024
Eberron: Forge of the Artificer
Monsters of the Multiverse
Ravenloft: The Horrors Within
Das eturische Jahr hat 552 statt 365 Tage – reichlich anderthalb Erdenjahre. Für den Charakterbogen reicht eine Faustregel: Erdenjahre × 0,66 ≈ eturisches Alter. Wer sich wie 25 fühlt, ist nach eturischer Zählung gut sechzehn.
Sie verkörpern ein Prinzip, ihre Kräfte entspringen der Ausrichtung. Wähle eine Domäne, die zu diesem Prinzip passt – die folgende Zuordnung ist ein Vorschlag, keine feste Regel:
| Prinzip | Passende Domänen |
|---|---|
| Das Werden | Leben, Natur |
| Das Erwachen | Wissen, Licht |
| Der Schleier | Täuschung, Zwielicht |
| Die Stille | Frieden, Gräber |
| Das Streben | Krieg, Schmiede |
Heilige Symbole: Einfache Dinge: ein geschliffener Stein, ein getrocknetes Blatt, ein Stück Metall. Bedeutung entsteht durch Gebrauch.
So klingt Eturia: Beispiele aus der Sprache des Landes, kein vollständiges Verzeichnis.
Vornamen
Familiennamen
Hell brennen die Lichter der eturischen Orte – doch zwischen ihnen liegen weite, oft ungezähmte Landschaften, die ihre eigenen Geheimnisse bewahren.
Wer hier lebt, sucht selten nach der einen Wahrheit.
Doch wer lange genug verweilt, beginnt zu verstehen, dass gerade darin das Geheimnis liegt.